2013 - Gültstein ist immer eine Reise wert

Ein Reisebus, drei Kleinbusse und ein LKW mit 7 Tonnen. Das ist der beeindruckende Fuhrpark, mit dem 60 Menschen mit Behinderung und 30 ehrenamtliche Betreuer im Juli in Gültstein angereist sind. Fünf Stunden dauerte die Fahrt der Gruppe aus dem beschaulichen Attendorn im Südsauerland bis nach Gültstein, das den Ausgangspunkt einer Ferienfreizeit bildete.

Das idyllisch gelegene KVJS-Tagungszentrum in Gültstein ist nicht nur Veranstaltungsort für Fortbildungen und Tagungen, sondern seit kurzer Zeit auch Herberge und Anbieter von Ferienfreizeiten für Menschen mit Behinderungen. „Nach dem Wegfall der Erholungskuren für Kriegsopfer möchten wir uns auch als Veranstalter von Ferienfreizeiten einen Namen machen und sind dabei auf einem guten Weg“, zeigt sich Robert Berres, Leiter des KVJS-Tagungszentrums Gültstein, zuversichtlich. Diese Zuversicht spiegelt sich in den Anfragen für das nächste Jahr und den positiven Erfahrungen der 90-köpfigen Gruppe wider. „Wir sind eine große Gruppe, darunter schwerst mehrfach behinderte Menschen“, sagt die Leiterin Sabina Seithe. „Wir haben uns bewusst für Gültstein entschieden, weil das am besten geeignet war, sehr bedürfnisorientiert arbeitet und uns alle unsere Wünsche erfüllt.“

Die Planungen für die Ferienfreizeit begannen schon im letzten Jahr. Das Ziel stand dabei früh fest: Baden-Württemberg. So besichtigte eine Delegation der Arbeitsgemeinschaft Begegnung Attendorn mehrere potenzielle Unterkünfte – darunter auch das KVJS-Tagungszentrum. Am Schluss hatte Gültstein die Nase vorn: „Das Erholungsheim Gültstein ist rollstuhlgerecht, besitzt große Zimmer, so dass sich die Teilnehmer auch in den Zimmern gut bewegen können, bietet gute Hygienebedingungen, ein großes Angebot an Freizeitaktivitäten und freundliche, offene und flexible Mitarbeiter“. Dieser Eindruck wird von den Teilnehmern bestätigt, die auch das Essen lobend erwähnen.

Langeweile ist in Gültstein fehl am Platz: Die Menschen mit Behinderung konnten zwischen einer Vielzahl an Freizeitaktivitäten wählen. Sei es Kegeln, Tischtennis, Tischfußball oder schwimmen, Städtetouren nach Stuttgart, Tübingen und Herrenberg, Modenshow, Geisterabend, Open-Air Kino, Kamelreiten oder Lagerfeuerabend.

„Damit sollen alle auf ihre Kosten kommen, denn nicht jeder kann basteln, schwimmen oder größere Ausflüge unternehmen. Das hängt ganz von der Art der Behinderung ab“, gibt Frau Seithe zu Bedenken. „Ein Großteil der Teilnehmer ist geistig behindert, es gibt aber auch Teilnehmer die eine Rund-um-die-Uhr Betreuung brauchen “. Das erfordert auch von den ehrenamtlichen Betreuern viel Geduld und Hingabe. Frau Seithe führt dazu aus: „Mit dieser Ferienfreizeit soll unserem Anliegen Rechnung getragen werden, Begegnungen zwischen Menschen mit und ohne Behinderung zu fördern und zu intensivieren. Diese Begegnungen finden auf vielen verschiedenen Beziehungsebenen statt und ermöglichen es, in die verschiedenen Lebenswelten einzutauchen und voneinander zu lernen. Dadurch entwickeln Kinder, Jugendliche sowie Erwachsene sehr viel Verständnis für den Anderen und respektieren die jeweiligen Besonderheiten des Einzelnen.“ Dass das gut gelungen ist, zeigt die gute Stimmung und das gute Verständnis innerhalb der Gruppe, die sich unternehmenslustig und voller Tatendrang präsentierte.

Susanne Eckhardt, die an einem Down-Syndrom leidet und von allen nur Susi genannt wird, berichtete beispielsweise euphorisch von ihren Erfahrungen beim Kamelreiten: „Ich war unsicher, als ich mich auf das Kamel setzen sollte und es kostete mich doch einige Überwindung. Am Ende war es ein gutes Gefühl und ich war überglücklich“. (Vorname?) Frank konnte sich sogar einen Traum erfüllen und sich beim Flug mit einem Segelflugzeug wie ein Vogel fühlen. Auch Mike Schlindter zeigte sich von der Freizeit angetan: „Wir haben Kaffee getrunken, backen unser eigenes Brot. Das Essen ist gut und die Freizeit super, ich habe viele Freunde gefunden“.

Ein besonderes Highlight war sicher auch das Schützenfest, das die Gruppe veranstaltete und damit Gültstein zur Schützenfest-Hochburg machte. Nach Vorbereitungen am Morgen und der sich anschließenden Kostümauswahl wurde am frühen Nachmittag mit Marschmusik und Schlachtrufen im Gepäck die Fahne gehisst. Beim anschließenden Vogelschießen bildete sich das Königspaar heraus, das sich von seinen Untertanen feiern ließ. Die viele Mühe zahlte sich aus bei einem Fest der besonderen Art, bei dem alle auf ihre Kosten kamen und die Monarchie für einen Tag in Gültstein Einzug hielt.